20.04.2017 / Artikel / Umwelt und Energie / , , , ,

«Herbetswil ist der Energiestrategie weit voraus»

Die Energiewende sei in vielen Gemeinden längst im Gange, sagt der Herbetswiler Gemeindepräsident und CVP-Nationalrat Stefan Müller-Altermatt. Ein Ja zur Energiestrategie würde den Prozess zusätzlich beschleunigen.

Herr Müller-Altermatt, Sie sind nicht nur Nationalrat, sondern auch Gemeindepräsident. Was bringt ein Ja zur Energiestrategie Ihrer Gemeinde Herbetswil?

Herbetswil ist der Energiestrategie weit voraus, wir haben bereits viel gemacht. Auf dem Dach des Gemeindehauses ist eine Photovoltaikanlage, wir realisieren einen Wärmeverbund – die Energiewende ist bei uns längst im Gange.

Dann werden jetzt die belohnt, die bislang noch nichts gemacht haben?

Nein, weil auch wir in den Genuss von Fördermitteln kommen, die uns bisher verwehrt blieben – wir stecken mit der Photovoltaikanlage auf der Warteliste für die KEV-Mittel fest. Mit der Energiestrategie ginge es endlich rascher vorwärts, auch in Gemeinden, die bisher wenig oder nichts gemacht haben. Die Beiträge für Photovoltaik steigen um 40 Prozent von 1,5 auf 2,3 Rappen, für das Gebäudeprogramm gibt es 50 Prozent mehr Mittel, 450 statt 300 Millionen.

Die Befürworter versprechen mehr lokale Wertschöpfung, Aufträge für das lokale Gewerbe. Doch wo bleiben diese, wenn wir die meisten Komponenten für die Gewinnung von erneuerbaren Energien aus dem Ausland importieren müssen?


Dieser Einwand spiegelt eine einseitige Fokussierung auf den Strom. Für unseren Wärmeverbund etwa verwenden wir nur einheimisches Holz. Und bei den Massnahmen zur Effizienzsteigerung, vor allem bei der Gebäudehülle und Gebäudetechnik, kommt das heimische Gewerbe klar zum Zug.

Zu Spitzenzeiten müssen wir Strom im Ausland einkaufen. Das dient der lokalen Wertschöpfung ebenso wenig.

Ohne Energiestrategie und somit ohne zusätzliche erneuerbare Energien müssen wir noch mehr Strom aus dem Ausland importieren! Es gibt doch keine Alternative: Neue Atomkraft- werke sind in der Schweiz nicht realistisch. Im Kern geht es darum: Entweder produzieren wir im Inland, oder wir werden noch stärker vom Ausland abhängig.

Die Gegner kritisieren eben, die Energiestrategie blase eine kostspielige «Subventionsmaschinerie» auf und erhöhe die Strompreise für Unternehmen und Bevölkerung.

Die Subventionsmaschinerie, wie sie die Gegner nennen, haben wir ja geblockt, indem die Kosten- deckende Einspeisevergütung (KEV) nur fünf Jahre lang gesprochen wird. Bei einem Nein zur Energiestrategie gibt es keine zeitliche Beschränkung. Abgesehen davon übertreiben die Gegner bei den Kosten masslos. Die Energiestrategie kostet die Haushalte 40 Franken pro Jahr.

Zurück zu den Gemeinden: Viele von ihnen arbeiten bereits an einer nach- haltigen Energiezukunft, zum Beispiel die über 400 Gemeinden mit dem Energiestadt-Label. Was bringt diesen Gemeinden ein Ja am 21. Mai?

In erster Linie sicher eine Bestätigung, dass sie auf dem richtigen Weg sind. Der Bund geht voran, die Gemeinden ziehen mit: Diese Unterstützung motiviert auch die Bürgerinnen und Bürger. Das ist konsistente Politik über alle Ebenen des Staats. Auch die Energiestädte können Unterstützung gebrauchen. Denn die Zertifizierung ist ja nicht etwas statisches, sondern ein an- dauernder Prozess.

Ein Blick in die Zukunft: Wie sieht die Energieversorgung von Herbetswil im Jahre 2050 aus?


2050 fliesst in Herbetswil kein Atomstrom mehr, der Grossteil der Gebäude wird mit Holz aus den Wäldern der Region geheizt, und der Strom kommt von der Sonne auf den Dächern, im Sommer zwischengespeichert für den Winter.

Wie wird er denn gespeichert?

Müller-Altermatt: Da wir kein Gasnetz haben, wohl in Batterien. Power-to-Gas wäre natürlich sehr interessant, aber das System eignet sich wohl eher für Städte. Für eine kleine Gemeinde wie Herbetswil ist die Energieautarkie kaum ein Ziel. Wichtig ist aber, dass das Geld in der Region bleibt und nicht wie heute in den arabischen Raum abfliesst.

 

Interview von Denise Lachat aus der Zeitschrift Schweizer Gemeinde 4/2017

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